Lothar Schröder, ver.di-Bundesvorstand, Leiter des Fachbereichs 9 Telekommunikation, Informationstechnologie, Datenverarbeitung; zuständig für Bereiche Innovation und Gute Arbeit

GEcamp16: Wo stehen die Gewerkschaften zum Thema Digitalisierung und Arbeit 4.0? Welche Position vertritt ver.di?

Lothar Schröder: Wir gestalten im Interesse unserer ver.di-Mitglieder die Digitalisierung mit. Denn unsere ver.di-Mitglieder erfahren schon heute, wie schnell Vorhandendes in Frage gestellt werden kann. Beschäftigte im Handel stehen vor der Bedrohung ihrer Arbeitsplätze durch steigenden Online-Handel. Arbeitsplätze von Bankangestellten werden durch Online-Banking und dem damit einhergehenden Sterben der Filialen in Frage gestellt. Hafenarbeiter fragen nach den Auswirkungen vollständig automatisierter und digitalisierter Containerhäfen. Menschen in der Logistik fragen nach den Auswirkungen selbstfahrender Logistikfahrzeuge, von Drohnen, die Sendungen zustellen und einer Schwarmlogistik, die in Schweden bereits ausprobiert wird.

Es bedarf deshalb erheblicher Anstrengungen mit dem Ziel, die Beschäftigungsbilanz des Wandels positiv zu gestalten und Arbeit für alle zu ermöglichen. Dafür müssen Produktivitätsfortschritte, die über die Digitalisierung möglich werden, zumindest in Teilen umverteilt werden. Sie sollten genutzt werden für soziale und beschäftigungswirksame Innovationen, für Investitionen in gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen, insbesondere in soziale Dienstleistungen wie z.B. Pflege und Kinderbetreuung, für steigende Masseneinkommen und für kürzere Arbeitszeiten.

GEcamp16: Wo sind die Chancen für die Arbeitnehmer/innen im Kontext von Arbeit 4.0. Wo sehen Sie Probleme? Reicht unser bisheriges Arbeitsrecht?

Lothar Schröder: Damit die Möglichkeiten digitaler Arbeit im Sinne der Beschäftigten genutzt werden, müssen diese erstens mehr Entscheidungsmöglichkeiten erhalten, wie, wann und wo sie arbeiten wollen. Beschäftigte brauchen durchsetzbare Ansprüche auf ein Mindestmaß an Tätigkeitsanteilen die während der betriebsüblichen Arbeitszeiten an einem von ihnen selbst zu bestimmenden Arbeitsort erbracht werden können. Eine auf diese Weise erweiterte Zeit- und Ortssouveränität kann helfen, Arbeit und Leben besser miteinander zu vereinbaren. Zweitens muss den gesundheitsgefährdenden Folgen einer digital erweiterten Erreichbarkeit von Beschäftigten entgegengewirkt werden. Die Verfügbarkeit muss begrenzt werden, damit der Feierabend Feierabend und das Wochenende Wochenende bleibt. Beschäftigte benötigen ein Recht auf Nichterreichbarkeit.

Mit dem digitalen Wandel der Arbeitswelt entstehen neue Anforderungen an Qualifikationen von Beschäftigten. Dabei geht es neben der Fähigkeit, neue technische Arbeitsmittel zu beherrschen, auch darum, das Beschäftigte in der Lage sein müssen, in flexibleren Arbeitswelten selbstorganisiert ihren Arbeitsalltag meistern. Soziale Kompetenzen rücken verstärkt in den Vordergrund.

Zentrale Voraussetzung für Teilhabe an Weiterbildung sind ausreichend finanzielle Ressourcen. Lernen und Arbeiten müssen zudem stärker als bisher miteinander verbunden werden, dass heißt Lern- und Erwerbszeiten müssen besser miteinander kombiniert werden. Es müssen Lernchancen im Rahmen der Arbeitsplanung und Arbeitsorganisation und einer umfassenden Zeitpolitik gesichert werden. Deshalb müssen die Bemühungen auf allen Ebenen des Bildungssystems, auch in der beruflichen Aus- und Weiterbildung, intensiviert werden, um die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen zu sichern – zum Beispiel im Wege erhöhter Investitionen und verlängerter Weiterbildungszeiten. Dies könnte – wie in Österreich – über eine geförderte Bildungsteilzeit umgesetzt werden.

GEcamp16: Wie könnte der weitere Entwicklungsprozess im Sinne einer gesellschaftlichen Teilhabe von Arbeitnehmer/innen gestaltet werden?

Lothar Schröder: Bei allen Fragen, die die Digitalisierung der Arbeitswelt aufwirft, spielen die Mitbestimmungs- und Beteiligungsrechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine Schlüsselrolle. Digitalisierte Arbeitsformen erfordern mehr Partizipation, damit die Beschäftigten ihre Interessen bei der Arbeitsgestaltung frühzeitig geltend machen können.

Wir brauchen bessere Mitbestimmung beim Schutz der Persönlichkeitsrechte, bei Standortverlagerungen und der Einbeziehung von Leiharbeit und Werkvertragsverhältnissen in das Betriebsgeschehen.

ver.di bringt sich in diesen Veränderungsprozess im Interesse seiner Mitglieder auf allen Ebenen – in der Politik, in der Volkswirtschaft und in den Unternehmen und Betrieben – ein, mit dem Ziel: Wohlstand, Gerechtigkeit, Beschäftigung und Gute Arbeit zu schaffen.

GEcamp16: Herzlichen Dank für das Interview!

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